Januar

An der Donau hellem Strande

I

Die Kirche am anderen Ufer schwankte leicht im Schall und Widerhall der Glocken. Der Hahn, von der Kirchturmspitze durchbohrt, schien mit seinen schwarzen Flügeln den Takt zu schlagen.
Das Weinlaub erzitterte unter einem Windhauch, der die Blumenblüten auf dünnen Stängeln in einem Duft aus Rose, Minze und Thymian schwanken ließ.Entlang der Dorfstraße verliefen sich die bunten Häuschen flußauf, flußab, als läge vor ihnen noch ein weiter Weg bis ans Ende der Tage.
Ein Fenster schlug zu und ein Tor ging auf. Katzen jagten fliehende Schatten. Ein Hoch auf den Grüner Veltliner, der überfloß, hinab in die trunkenen Wirbel der Donau. Der Fluß war ohnehin die Ursache aller Bewegung zu Wasser und zu Lande.
Da kam das Schiff ohne Segel und fuhr grußlos vorüber. Ein Fähnchen am Heck flatterte widerwillig. Ein Kind hob die Hand und winkte, winkte, bis die Hand wie ein abhanden gekommener Gegenstand wirkte. Und winkte und winkte.
Die Kirche flußüber stand wieder still.
Der Turm verbeugte sich vor den Walnußbäumen, die standgehalten hatten im Schall und Widerhall der Glocken am Ufer der Donau.

Februar

II

Würde die Donau rückwärts fließen, dann wüßten wir mehr von der Venus von Willendorf, die zwischen Groisbach und Spitz in die Erde sank und nichts ahnte vom frischen Gleisbett der Eisenbahnstrecke gen Krems, auf der sie sorgsam verpackt ihre Reise in die Kunstgeschichte antrat. Endstation Naturhistorisches Museum Wien, wo man in den außerordentlichen Proportionen ihres Leibes zwischen Brüsten und Gesäß die Weltharmonie fand.

März

III

Die andere Seite der Stille warf Schatten unter die Linden, die in Schweigen gehüllt den Duft der eigenen Blüten atmeten. Ihre Kronen breiteten sich taktvoll über Gräbern aus. Namen in Stein gehauen, als könnte dadurch dem Vergessen Einhalt geboten werden. Ketten begrenzten zu allem Überfluß die letzten Heimstätten. Die Namen vermochten das Unabänderliche auch nicht zu ändern. Erinnerungen meldete sich im Gesang eines unbekannten Vogels, der sich unterm Laub des Efeus verbarg. Anfang und Ende waren zu Stein geworden. Ein Schild wies darauf hin, daß Abfälle auf den Kompost am Ausgang gehören. Zuwiderhandlungen würden bestraft.

April

IV

Der Heilige schwang anmutig das Kreuz über seinem Haupt und kokettierte mit einem kleinen Heiland. Er übersah hartnäckig das gefrorene Lächeln zwischen den schwellenden Lippen eines Puttos zu seinen Füßen. Die Häuser rings um den Marktplatz bildeten seine Gemeinde. Das Kloster auf dem Felsen über ihren Dächern breitete seinen Schatten unabhängig von Wetterlagen und Jahreszeiten über die Stadt. Also versuchte der Heilige Trost zu spenden mit dem kreisenden Kreuz über allen Häuptern. Die Häuser nahmen davon keine Notiz. Sie blickten aus blankgeputzten Fenstern, als wäre doch noch ein Ereignis zu erwarten, das sie betreffen würde.

Mai

V

Das Café an der Donau servierte nichts. Serve your selve hieß die Devise. Kühle Köstlichkeiten, kreative Eiskreationen, Pflaume-Zimt – das Angebot der Woche. Die Qualität aus Meisterhand kam auf Plastiktellern daher, heiße Getränke im Pappbecher, der Kunststoff enthielt. Ein graues Brandenburger Tor neben einer einheimischen Marille schmückte das Gefäß. Dafür betrat man mit kompostierbaren Eislöffeln nachhaltige Pfade, die direkt zur Geschirrabgabe führten. Trinkgeld bitte hier.
König Kunde räumte gehorsam Pappteller, Pappbecher, kompostierbare Löffel und die Rechnung ab und drückte sich dann pflichtverloren vor der Reinigung des Tisches mit feuchtem Lappen.
Beehren sie uns bald wieder.
Ruhig rollten die blauen Wellen der Donau vorüber.

Juni

VI

Mit allen Wassern gewaschen, eingetaucht im Fluß, der sein Bett verlassen hat, kein Mensch sah jemals die gänzlich andere Seite des Stroms hinter den wogenden Weiden, wo es zu spät war für neue Entdeckungen. Die Stämme der Bäume von wirbelnden Strömungen umschmeichelt, die den Wasservögeln zum Verhängnis wurden. Von den Brücken segelten die Rettungsringe wie fliegende Untertassen über die Köpfe der Ertrinkenden hinweg, die sich in den Strudeltöpfen aufzulösen begannen. Zärtlich glitt blindes Abendrot über das Chaos hinweg und mäßigte die Schreie von Menschen und Vögeln. Inseln legten von neuen Ufern ab, setzten einsame Birken als Segel und trieben flußabwärts. In den Stuben der Häuser hinter mannshohen Ufermauern, denen das Wasser bis zur Krone stand, beleuchtete warmer Lampenschein den Feierabend.

Juli

VII

In Grein sah ich, wie das Gegenlicht sich in meinem Weinglas brach. Die Lichtsplitter lagen über den Tisch verstreut. Vor mir langweilte sich der Fluß lang ausgestreckt in seinem Bett. Es roch nach verbranntem Kaffee. Niemand kaufte Blumen um diese Zeit für seine Frau oder Geliebte. Heute Ruhetag, stand auf einem Schild an der Tür des Restaurants. Eine Dame im lila Dirndl las trotzdem ihrem Hund die Speisekarte vor. Da sich beide nicht entscheiden konnten, kehrten sie hungrig zurück in ihre Einsamkeit, während die Kapelle mit erhobenem Kreuz auf dem Felsen bereit zum Sprung in den Fluß schien. Ich war Zeuge und schwieg in den Anblick der Bäume am anderen Ufer vertieft. Ihr Laub liebäugelte mit dem Herbst, der seinen wissenschaftlich exakt vorhergesagten Beginn verpasst hatte.
Erdfarbe stieg aus den Wurzeln die Stämme empor und verteilte sich über die Blätter, als wäre nichts weiter geschehen. Ich trank den Wein aus und fegte mit der Hand die Lichtsplitter zusammen. Blutrot färbte sich das Flußtal.

August

VIII

Vor Persenbeug tauchten letzte Gründe zwischen Prallhang und Sandbank unter, Treibholz und leere Flaschen ohne stille Post schwammen über Untiefen hinweg. Dunkles presste die Augäpfel unter der Brückenwölbung zusammen, der Wind kannte das Geheimnis der Angst. Und du kennst es, ich kenne es, das rauschende Geheimnis, dem die Worte fehlen.

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