November

Wortlandschaft

Der Weg führt durch die Landschaft aus Wörtern, Zeilen, Umbrüchen und Absätzen, die sich zu Hügeln und Bergen formen. Hier Wiesen, da Felder mit dem Redefluß zwischen den Ufern hindurch. Ahorn und Zeder setzen Zeichen, wenn der Wind alles bewegt. In den Zwischenräumen der Widerspruch zwischen Stille und Schweigen, der jedem Halm und den fliegenden Blättern Bedeutung verleiht. Also das Ungesagte. Die Sprache bedient sich der strömenden Luft und die Töne werden Klang, der bis in die Häuser vordringt, bis in die letzte Kammer, angefüllt mit Seufzern, dem Gelächter wider die Angst, den Liedern, Befehlen und den Schreien, den Schwüren und zärtlichen Lauten. Ein Gebirge aus Bedeutungen, die Mauern sprengen könnten. In den Händen ein beschriebenes Blatt mit dem Gedicht, das das Unwiderlegbare, das Gültige, das Wahre feiert, bis es vom Wind mitgerissen über der Landschaft verweht und in den Kreislauf zurückkehrt.

Oktober

Vom gewesenen Tage

Der Morgen wirft seine Netze aus,
feine Regenschnüre in Nebelschleier gewoben.
Metallisches Grau von Worten übriggeblieben,
die sich verfangen haben. Weiß der Kuckuck warum!

Die blattlose Linde vorm Fenster neigt sich gegen die
Schattenspuren ihrer Zweige,
Tröpfchen hängen an ihnen wie Mehltau.
Ein Nagel durch Jahresringe geschlagen,
trägt ein Schild, das vor Gefahren warnt.

Krähe hacken mit ihren gerissenen Schnäbeln
Wunden in die versteinerte Luft,
Die Geschichte der Menschheit spiegelt sich in ihren Augen.
Dunst aus der Kanalisation steigt auf wie eine Verheißung.

Was soll man noch sagen:
Die Ankunft des Briefträgers bleibt bis auf weiteres Ungewiß.

September

Nachtwandler

Hausfassaden in den Farben verblichener Lumpen, schmutziges Braun, Ocker, wie eine Erinnerung an verwaschenes Gelb, eine Galerie der Gründerzeit links und rechts der Straße, beinahe leergefegt, mit Resten von Ereignissen im Rinnstein, die längst die Tore hinter sich geschlossen haben. Die Träume riechen nach alten Kartoffelsäcken und die Sterne stellen nur eine Möglichkeit des Lichts dar, verspiegelt in Augen, die verletzt sind von verblendeten Tagen. Dunkles breitet sich über Sonnenuhren in den Vorgärten aus. Grünes trauert hinter schmiedeeisernen Gittern. Und auf wippenden Pferden kommen nicht mehr kleine Mädchen vorüber, dem Pferdesprung beinahe entwachsen; und schauen nicht auf, irgendwohin, herüber. Die Stadt ist abgetaucht im Ozean der Nacht, auf dessen Grund Traumwandler umherirren. Ihre leeren Blicke suchen nach dem einen erleuchteten Fenster. Als erwarte sie jemand jenseits des schmutzigen Brauns, des Ockers, des verwaschenen Gelbs, als gehörten die Reste von Grün zu einer Tür, die sich noch einmal öffnen könnte.

August

Von wegen

Verurteile nicht die Kuh auf dem Eis. Beachte die Verhältnisse und deinen Standpunkt, ein Unort auf brüchigem Grund. Nimm an, du seist der Drehpunkt der Verhältnismäßigkeiten. Halte still, denn von deiner Ausdauer hängt auch das Gleichgewicht zwischen Kuh und Welt ab. Das Eis wird schmelzen, wenn die blauen Bänder über der Schicksalsgemeinschaft aus Kuh und Du flattern. Auch Atlantis ging unter auf Nimmerwiedersehen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Kuh wird ohne Schuldzuweisung ersaufen. Du aber bist bestellt, um mit dem Schicksal zu hadern, während ein Pirol unter Federwölkchen sein Trauerlied auf die ersoffene Kuh und dich anstimmt.

Juli

Wolken

Vergiss die Wolken nicht, auch jene nicht, die nur Minuten blühen. Auf sie zu warten, um mit ihrem Schattenwurf über Land zu gehen, reicht nicht aus, um zu verstehen, dass ihre Flüchtigkeit nach einem Bild in uns verlangt.
Suche in den Wolken Wesen mit Gesichtern von Tieren und Dämonen, Sie erscheinen zwar als Orakel, doch ist es ihnen gleichgültig, was mit uns in Zukunft geschieht. Manchmal dringen sie durch die Augen in uns ein und hinterlassen eine weiche Verwüstung. Die Gewalt gebrochener Wolken kann maßlos sein, aber strafmündig sind sie deshalb noch lange nicht.
Wolken sind weder Rauch noch Qualm. Sie geben keine Zeichen, die uns betreffen könnten. Freiheit über ihnen existiert nicht, nur Grenzen, an denen sie sich auflösen, ohne Spuren zu hinterlassen. Selbst ihre Spiegelbilder in einem Dorfteich bleiben ohne Folgen.
Wolken lassen sich nur schwer verarbeiten. Versuche, Schleierwolke im Labor zu weben, scheiterten an den Gesetzen der Natur.
Bedenke, dass Wolken nur entstehen können, wenn warme Luft aufsteigend abkühlt. Dadurch ist die Würde der Wolke unangreifbar, auch wenn sie gewissenlos ist.
Vergiss nicht, dass ihre flüchtige Anwesenheit ausreicht, um eine Sehnsucht in uns zu wecken, die immer wieder die Tür vor dem Abgrund in uns zu schließen vermag.

Juni

Chopin, Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58
IV. Finale: Presto, ma non tanto, agitato

Die Mittelstimmen eröffneten das Rondo mit großer Gebärde, wuchtig und dissonant, ein aufschäumender Überfluß aus den Herzkammern der Musik, rücksichtslos und doch klug berechnet. Als ich eine Frage stellen wollte, war die Antwort bereits mit gelöstem Schwung linkerhand ab und rechterhand hinauf geströmt. Farben explodierten unter der Schädeldecke. Ich versank tief in meinem Körper zwischen Gedärm, Geräusch und Gestank und traf meine Seele, die mich aufforderte innezuhalten. Wir lauschten unbenommen, ich mit heiterem Erschrecken und sie mit Kennermiene. Nichts gab es zu analysieren. Die Stille mußte doch kommen und war, als sie eintraf, endgültig und unabänderlich wie ein gütiger Richtspruch.

Mai

Vor der Auferstehung

Die Stille zwischen den Kunstblumen bettelt um Beachtung vor einem Hintergrund, der sich bis zum Zerreißen spannt. Denn sie sind dazu verdammt, still zu sein. Regungslos beharren sie auf der Natürlichkeit ihrer handgemachten Schönheit. Und doch kann man sie hören, jene Kunstblumen, die etwas zu verkünden haben. Was ist das aber für ein Stillleben, das nicht schweigen kann inmitten seiner bildhaften Unruhe aus Flächen, Grenzen und Überlagerungen, die genau um ihre Wirkung wissen und allen Blicken mit stillem Vorwurf standhalten. Denn die Nelke, die Rose, die Aster mit dem Draht im Leib sind gepeinigt von der Ahnung, in Reih und Glied vor der Metallwand einer Schießbude aufgesteckt, über Kimme und Korn einfach abgeschossen zu werden.

April

Kunstblumenstilleben

Die Stille zwischen den Kunstblumen bettelt um Beachtung vor einem Hintergrund, der sich bis zum Zerreißen spannt. Denn sie sind dazu verdammt, still zu sein. Regungslos beharren sie auf der Natürlichkeit ihrer handgemachten Schönheit. Und doch kann man sie hören, jene Kunstblumen, die etwas zu verkünden haben. Was ist das aber für ein Stillleben, das nicht schweigen kann inmitten seiner bildhaften Unruhe aus Flächen, Grenzen und Überlagerungen, die genau um ihre Wirkung wissen und allen Blicken mit stillem Vorwurf standhalten. Denn die Nelke, die Rose, die Aster mit dem Draht im Leib sind gepeinigt von der Ahnung, in Reih und Glied vor der Metallwand einer Schießbude aufgesteckt, über Kimme und Korn einfach abgeschossen zu werden.

März

Grober Regen, Luzern

Die Kapellbrücke, dermaßen getroffen von der Wucht jedes einzelnen Tropfens, zickzackte aus der Linearität heraus, zwei Knicke bildend, die von Touristen, kurz vor dem Durchbruch einzelner Sonnenstrahlen, als Hintergrund fotografiert wurden. Ein Lächeln auf den Lippen und Bilder über den Köpfen vom Totentanz, auch vom Riesen von Reiden. Und dachten nicht daran, wie lang er vor ihnen da war. Und, daß man seine Gebeine gefunden und behalten, das Übrige aber der Erde zurückgab, in der es geruht hatte. Unwissend schickten die Touristen ihr Lächeln um die Welt. Was aber bleibt vom Tage übrig, der standhielt unter den Einschlägen grober Regentropfen und die Anwesenheit eines toten Riesen schweigend bewahrte, dessen Schulterblätter aus Mammutknochen bestanden.

Februar

Fisch – physiognomisch

Er denkt im einfallenden Licht an den Spiegel im Mond, der das Bild vom schielenden Fisch hütet, ein Breitmaul mit schmalen Lippen voller Sinnlichkeit und schimmernden Schuppen. Die Wände des Aquariums spiegeln ihn und antworten stoisch auf seine Frage: Wer der Schönste im gläsernen Kasten ist. Und dabei bleibt er, was er ist, ein Allerweltfisch mit dem Traum von grenzenloser Schönheit auf engstem Raum, den nicht einmal Austern zu träumen wagen. Vielleicht könnte ein Angelhaken in der Unterlippe seinem Denken eine andere Richtung geben.

Januar

Zaunlos

Im Keilrahmen ölfarbige Flächen, die darauf bedacht sind, sich voneinander abzugrenzen. Eingebettet in Gips, auf Papier, von Karton getragen, der nicht weich wird, ruht etwas Eingepferchtes. Und kein Zaun, kein Zwischenraum, kein Schattenwurf von parallelen Streifen kann die Entgrenzung sichtbarer machen als die abgenutzten Rahmenleisten, die originär sind. Im Streulicht erhebt sich im Goldenen Schnitt ein Kreuz, das aus einem langen senkrechten Balken und einem kürzeren waagerechten Balken besteht, oder man sieht einen Körper mit Schattenflügeln, der grenzenlos in das Gefühl räumlicher Tiefe hineinragt.

Texte des Jahres 2020

Pirol bei Kaatschen, Mai 2019

Wenn ich an meine Kindheit denke, höre ich den klangvollen Gesang des Pirols, der, sich überschlagend, zum Ohrwurm meines Daseins wurde. Als mich an jenem Maitag sein Flötenton am Ufer der Saale überraschte, traf er mitten ins Herz. Und die Tür hinaus in mein Leben schien sich noch einmal einen Spaltbreit zu öffnen, als wär's nicht schon längst den Fluß hinuntergetrieben. Und ich trank mit letzter Gewißheit den Tultewitzer Weißburgunder, während wieder jener gelbe Ruf ertönte, der in Kaatschen das Zauberwort traf: Und die Welt hob an zu singen.

Rom, violett

Tauben, gurrende Schattenrisse, flatternd im Lichtquadrat des Hinterhofs. Darüber die Tonspuren der Mauersegler unsichtbar am Himmel, der wie dürres Laub knistert. Die Stadt vor der Hitze auf eine Insel im Tiber geflohen. Als könne hier das Wasser nicht sieden und die Insel samt Rom ewig bestehen. Der Tod, der Welt nicht abhandengekommen, wandelt ungebeten durch das Flüstern in den Apsiden. Was wollte man der Mutter Gottes mitteilen? In summa ist der eigene Schmerz immer noch am nächsten. Eine Kerze angezündet für das nicht Erfüllbare und das eigene Heil. Dabei kommt die Stille aus den Augen der Flüchtigen. Wegsehen, weghören, weggehen. Und verkündige ihnen wie große Wohltat dir der Herr getan und sich deiner erbarmt hat. Geduld ist kein Spiel. Dann lieber warten in der Schlange, wo jeder auf seinem Schatten steht und mit der Hand im marmornen Maul des Löwen auf den Biß der Wahrheit hofft. Und zum Schluß die Kuppel der Basilika Sant Pietro durch ein Schlüsselloch betrachtet, als führe da hindurch der Weg ins Himmelreich.

Schlußakkord

Abgekühlt ist längst die Luft
Und ein lockend dunkler Duft
Strömt aus regennassem Heu.
Augen aus den Büschen starren,
im Gestrüpp ein leises Scharren,
irgendetwas bricht entzwei.
Abgehakt ist jene Stunde.
Nur der Mond dreht seine Runde
bis zum ersten Hahnenschrei.
Nichts kann bleiben, wie es war,
dieses nicht und nächstes Jahr,
nur der Schlußpunkt bleibt uns treu.

Café Slavia

Hier lobten sich die Dichter gegenseitig, ohne sich in die Augen zu blicken. Hier nahmen sie bei Kaffee und Absinth das Tödliche und Ungetüme hin und hielten es auf die Länge einer Zigarette aus. An den runden Tischen schwieg das Namenlose genauso wie das Anonyme. Unbeschriebene Blätter warteten vergeblich auf den ersten Versuch. Auch ich nahm mir das Recht, hinter einer venezianischen Maske wenigstens wahr zu sein. Dabei erkannte ich, daß mich Stille und Hoffnung mochten, auch ohne Ruhm.

Schwanensee, Belvedere

Die Wasserfläche, Grenze zwischen Licht und Abgrund, spiegelt das leere Schwanenhaus. Weder Satyr noch Elfe regen sich im Schein der alten Weiden, nur Schatten von Selbstmördern schwanken im Schilf. Kein Mensch in dieser Stunde, der sein Spiegelbild in der Wasserstille umarmen möchte. Endlich nimmt sich ein Eisvogel die Freiheit, fängt einen Fisch und zieht kreischend eine leuchtende Spur über dem See.

Das Lächeln

Sommergrün, gerader Wuchs, im Windhauch,
der die Säulenkronen schwanken läßt, wie zum
Gruß von Pappel zu Pappel, ein gebildeter Stand.
Trotz ihrer Korkwarzen in der dunkelgrauen Borke
achtet die lombardische Schönheit mit Silberblick
auf die wellige Zähnung ihrer Blattränder.
Eingeschlechtlich und zweihäusig läßt sie sich
unaufgeregt vom Wind bestäuben,
Abendpfauenauge, Kleiner Schillerfalter und
Pappelschwärmer schweigen im Flüstern ihrer Blätter.
Sckell sah schon der Pappeln stolze Geschlechter ziehen
in geordnetem Pomp vornehm und prächtig.
Eine Holztafel mit den Maßen 77 mal 53 aus einem
ihrer Stämme gesägt, trägt bis heute das Lächeln der
La Gioconda auf weichem Grund.

Altmodisch

In den Zweigen der Linde bewegt sich die Welt.
Wolkenflucht, Vogelwolke, beides möglich.
Aufgehoben von einem Windstoß bekommt die
Spreu Flügel oder war es der Weizen.
Hinter dem Friedhof verwesen alte Worte.
Etwas singt tief in der Kehle oder flüstert in den
Mauernischen. Die Bodenbrüter schweigen außerhalb.
Im Kirschbaum die Himmelsleiter an einen morschen Ast gelehnt,
keine Früchte im Korb aber leuchtende Sterne an den Zweigen.
Sprich den Lichtsegen heute Abend hinein in
die verlassenen Schneckenhäuser, damit wir eine
Wohnung haben, um die Stille zu üben.

Felsen

Ihre Existenz ist zweifelsfrei. Deshalb kennen sie keine Schweißausbrüche und führen niemals Gespräche mit Regenpfeifern über den Hunger sauer gewordener Grummetgräser. In Brandungen beweisen sie ihre sprichwörtliche Standhaftigkeit. Obwohl Nebenprodukte der Schöpfung, wurde der Apostel Simon, genannt Petrus, der Felsen des Herrn, auf dem er seine Gemeinde baute. Zwischenmenschlich sind Felsen vollkommen erfüllt von ihrem Sinn, nämlich da zu sein. Daraus resultiert, daß sie sich unparteilich verhalten. Felsen lösen sich nur, um der Veränderung willen. Sie äußern sich nicht zu den Wirkungen, die sie im Fall des Falls hinterlassen. Den Felsen erkennen wir, wenn er, die Erdoberfläche durchstoßend, sein verwittertes Antlitz zeigt. Ich fühle seinen Vorwurf, weil wir ihm Gewalt antun, wenn wir seinen Leib brutal zerstückeln. Felsen lassen nicht mit sich reden. Sie bedenken nicht das Ende, sondern ertragen uns mit stoischer Gleichgültigkeit. Manchmal wohnen heiligen Nymphen in ihnen und geben im Schutz der Felsen jeglichem gern, was er im Stillen begehrt. Aber nicht einmal das bemerken wir.

Lesetermine

18. September
19.00–20.00 Uhr

Das Elsbeer-Quartett (Wulf Kirsten, Michael Knoche, Walter Sachs, Wolfgang Haak) liest am Tempelherrenhaus im ›Grünen Labor‹ u.a. aus dem gemeinsamen Buch »DIE ELSBEERE, WILDE FRÜCHTE AM BAUM DER POESIE.«

19. September
15.00–16.00 Uhr

Das Elsbeer-Quartett (Wulf Kirsten, Michael Knoche, Walter Sachs, Wolfgang Haak) liest am Tempelherrenhaus im ›Grünen Labor‹ u.a. aus dem gemeinsamen Buch »DIE ELSBEERE, WILDE FRÜCHTE AM BAUM DER POESIE.«