Text für den Monat November

Rom, violett

Tauben, gurrende Schattenrisse, flatternd im Lichtquadrat des Hinterhofs. Darüber die Tonspuren der Mauersegler unsichtbar am Himmel, der wie dürres Laub knistert. Die Stadt vor der Hitze auf eine Insel im Tiber geflohen. Als könne hier das Wasser nicht sieden und die Insel samt Rom ewig bestehen. Der Tod, der Welt nicht abhandengekommen, wandelt ungebeten durch das Flüstern in den Apsiden. Was wollte man der Mutter Gottes mitteilen? In summa ist der eigene Schmerz immer noch am nächsten. Eine Kerze angezündet für das nicht Erfüllbare und das eigene Heil. Dabei kommt die Stille aus den Augen der Flüchtigen. Wegsehen, weghören, weggehen. Und verkündige ihnen wie große Wohltat dir der Herr getan und sich deiner erbarmt hat. Geduld ist kein Spiel. Dann lieber warten in der Schlange, wo jeder auf seinem Schatten steht und mit der Hand im marmornen Maul des Löwen auf den Biß der Wahrheit hofft. Und zum Schluß die Kuppel der Basilika Sant Pietro durch ein Schlüsselloch betrachtet, als führe da hindurch der Weg ins Himmelreich.

Texte voriger Monate

Schlußakkord

Abgekühlt ist längst die Luft
Und ein lockend dunkler Duft
Strömt aus regennassem Heu.
Augen aus den Büschen starren,
im Gestrüpp ein leises Scharren,
irgendetwas bricht entzwei.
Abgehakt ist jene Stunde.
Nur der Mond dreht seine Runde
bis zum ersten Hahnenschrei.
Nichts kann bleiben, wie es war,
dieses nicht und nächstes Jahr,
nur der Schlußpunkt bleibt uns treu.

Café Slavia

Hier lobten sich die Dichter gegenseitig, ohne sich in die Augen zu blicken. Hier nahmen sie bei Kaffee und Absinth das Tödliche und Ungetüme hin und hielten es auf die Länge einer Zigarette aus. An den runden Tischen schwieg das Namenlose genauso wie das Anonyme. Unbeschriebene Blätter warteten vergeblich auf den ersten Versuch. Auch ich nahm mir das Recht, hinter einer venezianischen Maske wenigstens wahr zu sein. Dabei erkannte ich, daß mich Stille und Hoffnung mochten, auch ohne Ruhm.

Schwanensee, Belvedere

Die Wasserfläche, Grenze zwischen Licht und Abgrund, spiegelt das leere Schwanenhaus. Weder Satyr noch Elfe regen sich im Schein der alten Weiden, nur Schatten von Selbstmördern schwanken im Schilf. Kein Mensch in dieser Stunde, der sein Spiegelbild in der Wasserstille umarmen möchte. Endlich nimmt sich ein Eisvogel die Freiheit, fängt einen Fisch und zieht kreischend eine leuchtende Spur über dem See.

Das Lächeln

Sommergrün, gerader Wuchs, im Windhauch,
der die Säulenkronen schwanken läßt, wie zum
Gruß von Pappel zu Pappel, ein gebildeter Stand.
Trotz ihrer Korkwarzen in der dunkelgrauen Borke
achtet die lombardische Schönheit mit Silberblick
auf die wellige Zähnung ihrer Blattränder.
Eingeschlechtlich und zweihäusig läßt sie sich
unaufgeregt vom Wind bestäuben,
Abendpfauenauge, Kleiner Schillerfalter und
Pappelschwärmer schweigen im Flüstern ihrer Blätter.
Sckell sah schon der Pappeln stolze Geschlechter ziehen
in geordnetem Pomp vornehm und prächtig.
Eine Holztafel mit den Maßen 77 mal 53 aus einem
ihrer Stämme gesägt, trägt bis heute das Lächeln der
La Gioconda auf weichem Grund.

Altmodisch

In den Zweigen der Linde bewegt sich die Welt.
Wolkenflucht, Vogelwolke, beides möglich.
Aufgehoben von einem Windstoß bekommt die
Spreu Flügel oder war es der Weizen.
Hinter dem Friedhof verwesen alte Worte.
Etwas singt tief in der Kehle oder flüstert in den
Mauernischen. Die Bodenbrüter schweigen außerhalb.
Im Kirschbaum die Himmelsleiter an einen morschen Ast gelehnt,
keine Früchte im Korb aber leuchtende Sterne an den Zweigen.
Sprich den Lichtsegen heute Abend hinein in
die verlassenen Schneckenhäuser, damit wir eine
Wohnung haben, um die Stille zu üben.

Felsen

Ihre Existenz ist zweifelsfrei. Deshalb kennen sie keine Schweißausbrüche und führen niemals Gespräche mit Regenpfeifern über den Hunger sauer gewordener Grummetgräser. In Brandungen beweisen sie ihre sprichwörtliche Standhaftigkeit. Obwohl Nebenprodukte der Schöpfung, wurde der Apostel Simon, genannt Petrus, der Felsen des Herrn, auf dem er seine Gemeinde baute. Zwischenmenschlich sind Felsen vollkommen erfüllt von ihrem Sinn, nämlich da zu sein. Daraus resultiert, daß sie sich unparteilich verhalten. Felsen lösen sich nur, um der Veränderung willen. Sie äußern sich nicht zu den Wirkungen, die sie im Fall des Falls hinterlassen. Den Felsen erkennen wir, wenn er, die Erdoberfläche durchstoßend, sein verwittertes Antlitz zeigt. Ich fühle seinen Vorwurf, weil wir ihm Gewalt antun, wenn wir seinen Leib brutal zerstückeln. Felsen lassen nicht mit sich reden. Sie bedenken nicht das Ende, sondern ertragen uns mit stoischer Gleichgültigkeit. Manchmal wohnen heiligen Nymphen in ihnen und geben im Schutz der Felsen jeglichem gern, was er im Stillen begehrt. Aber nicht einmal das bemerken wir.

Lesetermine

17. November,
19.00 Uhr

Lesung und Gespräch über den Roman »Zeitumstellung«, Hotel Elephant,